Zahngesundheit

Zahn der Zeit: Wie Karies zur Zivilisationskrankheit wurde

Kaum einer bleibt von ihr verschont: Karies, die gefürchtete Zahnfäule. Fast jeder Mensch muss irgendwann zum Zahnarzt, um Löcher in den Zähnen behandeln zu lassen – obwohl die Bekämpfung und Aufklärung noch nie so fortschrittlich war wie heute.

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98 Prozent der Europäer haben Karies. Doch die gefürchtete Zahnfäule ist kein Phänomen der Neuzeit. Schon unsere Vorfahren litten unter ihr, wenn auch nicht so häufig wie der moderne Mensch. Denn mit der Entwicklung der Zivilisation nahm die Karies rapide zu. Der Grund: Die Nahrung wurde immer zuckerreicher. Heute haben die Bewohner der Industrienationen durchschnittlich zwölf Löcher in den Zähnen. Mit Laserbohrern und Hightech-Füllungen fühlen die Zahnärzte der Karies auf den Zahn. Sie haben die Zahnfäule zwar noch nicht besiegt, doch dank des medizinischen Fortschritts weitgehend unter Kontrolle.

Der Kampf gegen Karies heute

Die Bekämpfung der Krankheit war noch nie so fortschrittlich wie heute. Dennoch nimmt die Zahl der Menschen, die an Karies erkranken, weiterhin zu. Wird Karies festgestellt, breitet sie sich aber langsamer aus als früher. Es dauert länger, bis aus einem Mini-Loch eine riesige Zahnruine wird. Nach Ansicht der Zahnärzte ist dies hauptsächlich auf die Benutzung fluoridhaltiger Zahnpasta zurückzuführen. Damit sich Löcher in den Zähnen erst gar nicht bilden können, empfehlen die Fachleute fleißiges Schrubben.

Die Entstehung der Zahnfäule

Lange Zeit waren die Ursachen für Karies unbekannt. Die erste Theorie, wie Karies entstehen könnte, stammt aus der Zeit um 1.800 v. Chr. und hielt sich hartnäckig bis ins 19. Jahrhundert: Sie besagt, dass der „Zahnwurm“ der Übeltäter sei und sich in das Innere des Zahnes fräße, ihn aushöhlen und damit die schrecklichen Schmerzen hervorrufen würde. Auf einer altbabylonischen Tontafel wird das Vorgehen des Wurmes folgendermaßen beschrieben: „…Aus dem Zahn will ich saugen sein Blut und vom Zahnfleisch aus das Mark saugen. So habe ich Zugang zum Zahn.“

Erst 1889 machte der amerikanische Zahnarzt Willoughby Dayton Miller eine bahnbrechende Entdeckung: Er fand heraus, dass Bakterien, die sich von Zucker ernähren, Karies verursachen. Miller war Begründer der „chemisch-parasitären Kariestheorie“. Jeder Mensch hat mehrere Milliarden Kariesbakterien in seiner Mundhöhle. Nach dem Essen haften an den Zähnen Speisereste. Enthalten sie Zucker, entsteht eine klebrige Struktur. Darauf können sich Kariesbakterien besonders gut ansiedeln, die sich von dem Zucker ernähren. Dabei verwandeln sie ihn in Milchsäure. Diese Säure greift den Zahnschmelz an. Es entstehen Löcher. Die Karies frisst sich durch den Schmelz und breitet sich darunter aus. Die Anfälligkeit für diese Zerstörung des Zahnes ist genetisch bedingt.

Die Zähne unserer Vorfahren

Kiefer- und Zahnreste aus den letzten Jahrtausenden zeigen, dass die Menschheit Karies schon lange kannte. Bereits in der Altsteinzeit kämpften unsere Vorfahren mit Löchern in den Zähnen, wie ein 350.000 Jahre alter Schädelfund beweist. Die Karies war in der Altsteinzeit lange nicht so verbreitet wie heute, denn die Menschen aßen zuckerarm. Ihre Nahrung bestand hauptsächlich aus Fleisch und faserreicher Rohkost. Zudem wurden die Zähne durch das intensive Kauen der harten Nahrung gereinigt.

Erst 4.500 v. Chr. stieg die Karies sprunghaft an. Die Menschen wurden sesshaft und bauten Getreide an. Getreide enthält aber vor allem Stärke. Die Stärke wird von unserem Körper in Zucker umgewandelt und Zucker ist der Hauptverursacher von Karies. Ein weiterer Effekt der Nahrungsumstellung: die Nahrung wurde weicher und die Selbstreinigung der Zähne versagte.

Ein erneut starker Anstieg der Karies erfolgte im 16. Jahrhundert. Die Zuckerrübe wurde in Europa entdeckt und mit ihr die Zuckergewinnung ein einfacher Herstellungsprozess. Der weiße Kristall wandelte sich vom Luxusgut der Könige zu einem Alltagsprodukt für den Großteil der Bevölkerung. Karies wurde damit zu einer Volkskrankheit. Die Methoden, Karies zu bekämpfen, waren noch bis vor 200 Jahren äußerst brutal. Wer an Zahnschmerzen litt, ging zum Barbier, Hufschmied oder „Zahnbrecher“. Dieser riss die faulen Zähne seiner Patienten einfach mit einer Drahtzange heraus. Eine grausame Prozedur, die oft unter dem Beisein von Schaulustigen stattfand.

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