Psychische Störungen

Wieso verletzten sich Borderliner oft selbst?

Die 16-jährige Marie gleicht aus der Ferne jedem anderen Mädchen. Doch irgendwas ist anders. Erhascht man einen Blick auf ihre Arme, sieht man zahlreiche Narben, einige Stellen bluten noch. Marie hat Borderline und sich die Wunden selbst zugefügt. Wieso tut sich ein junges Mädchen so etwas an?

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Jeder ist mal traurig, verzweifelt, hat Angst, ärgert sich oder ist einfach schlecht drauf. Diese negativen Gefühle vergehen meist nach kurzer Zeit wieder, da das Gehirn sie verarbeitet. Bei Menschen mit einer emotional instabilen Persönlichkeitsstörung vom Borderline-Typ ist das anders. Sie können Ereignisse nicht emotional einordnen und verarbeiten. Die eigenen Gefühle und Impulse zu kontrollieren, fällt ihnen schwer. Dadurch entstehen starke innere Unruhe und Anspannung.

In ihrer Not versuchen die Betroffenen durch Selbstverletzung diesen unerträglichen Zustand zu mindern. Viele schneiden sich mit einer Rasierklinge oder einem anderen scharfen Gegenstand selbst oder brennen sich. Es hilft ihnen die Anspannung abzubauen. So kommen sie runter – zumindest für eine gewisse Zeit. Es zeigen jedoch nicht alle Borderliner solch selbstverletzendes Verhalten. Einige nutzen stattdessen Drogen und Alkohol, leiden unter einer Essstörung, rasen mit dem Auto, gehen gefährlichen Sportarten nach oder haben ungeschützten Sex und wechseln oft ihren Sexualpartner.

Für die Patienten sind diese Verhaltensweisen auch ein Versuch, wieder in der Wirklichkeit anzukommen. Denn in Situationen, die sie an traumatische Erfahrungen in ihrer Kindheit erinnern, kappen sie sich oft ab und begeben sich seelisch an einen anderen Ort. Dieser Mechanismus diente ihnen schon als Kind zum Schutz vor schrecklichen Dingen wie Missbrauch. Mediziner sprechen von Dissoziationen.

Der Schein trügt

Überdies gehören extreme Stimmungsschwankungen und plötzliche Gefühlsausbrüche zum Alltag eines Borderliners. Schon ein falscher Satz kann sie aus der Fassung bringen und sie geben ihrem Impuls freien Lauf, handeln unüberlegt und ohne Rücksicht auf Verluste. Ihr Gegenüber ist irritiert, versteht nicht, was los ist, und fühlt sich angegriffen. Häufig kommt es zum Streit.

Auch wenn sie nach außen teils hart erscheinen, sind Menschen mit Borderline tief im Inneren äußerst verletzlich und unsicher. In der Regel ist ihr Selbstwertgefühl gering, sie plagt großer Selbstzweifel, sie fühlen sich innerlich leer und wissen nicht, was für sie richtig und falsch ist. Ferner haben sie einerseits Angst, verlassen zu werden und klammern sich an Menschen in ihrem Umfeld. Kurz darauf sind sie jedoch abweisend und haben Angst vor zu großer Nähe. Eine stabile Beziehung zu führen, ist für sie wie auch ihren Partner extrem schwierig. Oft finden sie jemanden zuerst toll und plötzlich halten sie nichts mehr von ihm. Auch sind sie sehr misstrauisch. Meist kann der Auserwählte den hohen Ansprüchen der Borderline-Patienten nicht gerecht werden und die Beziehung geht in die Brüche.

Doch nicht nur im Umgang mit ihren Mitmenschen sind sie schwierig, die Ausbildung oder Arbeit ist ebenfalls ein Problem. Scheint ihnen an einem Tag noch eine kaufmännische Ausbildung das Richtige zu sein, ist es schon eine Woche drauf etwas ganz anderes. Die Betroffenen haben ein extremes Schwarz-Weiß-Denken und wechseln oft ihre Meinung und Pläne. 

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Kindheitstraumata sind fast immer vorhanden

So verschieden die Symptome der Störung sind, so sind es auch ihre Ursachen. Fast immer sind diese sehr komplex. Ein traumatisches Erlebnis in der Kindheit ist jedoch fast allen Patienten gemein. Dies können unter anderem sexueller Missbrauch, Misshandlung, Vernachlässigung oder wenig emotionale Zuwendung sein. Der Täter ist meist eine Bezugsperson, von der sie abhängig sind und die sie lieben. Gerade dieser Widerspruch überfordert die kindliche Psyche im höchsten Maße. Es gibt allerdings auch einige Patienten, die unter „normalen“ Umständen aufgewachsen sind. Als weitere Ursachen beziehungsweise mitverantwortliche Faktoren gelten eine erbliche Veranlagung und eine Fehlfunktionen im Gehirn, die die emotionale Instabilität fördern.

DBT hat sich bewiesen

Gute Behandlungserfolge zeigen spezielle Formen der Verhaltenstherapie, insbesondere die  Dialektisch-Behavoriale Therapie (DBT). Hier werden den Patienten Skills vermittelt, die ihnen helfen ihre Gefühle besser zu erkennen, zu kontrollieren, abzubauen und auf sie zu vertrauen. Ferner lernen die Patienten, wie sie Stress und Anspannung reduzieren und ihre Achtsamkeit sowie Selbstsicherheit stärken. Aber auch andere Therapieformen wie eine Traumatherapie können sinnvoll sein. Medikamente direkt gegen Borderline gibt es nicht, jedoch gegen Begleiterscheinungen wie Depression oder Angst. 

Etwa zwei bis drei Prozent der Deutschen leiden an einer Borderlinestörung. Meist manifestiert sie sich in der Jugend. Im Laufe der Zeit entwickeln sich oft zusätzliche psychische Probleme wie Angst-, Ess- oder Zwangsstörungen. Ein sehr großer Anteil hat Depressionen und nicht wenige sehen keinen Ausweg mehr und versuchen sich umzubringen. Fünf bis zehn Prozent der Betroffenen sterben durch Suizid oder riskantes Verhalten. 

Hinweis: Nehmen Sie Suizidäußerungen von Ihren Bekannten und Angehörigen mit Borderline immer ernst. Informieren Sie sich im Vorfeld über die Krankheit, so können Sie die Verhaltensmuster besser einordnen. Seien Sie für die Person da, zeigen Sie ihr die Behandlungsmöglichkeiten auf und wo sie Hilfe findet. Stehen Sie ihr auch in der Therapie beiseite. Der Umgang mit Betroffenen kostet Kraft und belastet die eigene Psyche. Zudem ist es schwierig ihr Verhalten nicht persönlich zu nehmen. Daher ist sehr wichtig, auf das eigene Wohl zu achten. Eine Selbsthilfegruppe für Angehörige kann die Last mindern.

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