Facharzt- und Kliniksuche

Wie neutral können Arztbewertungs-Portale sein?

Wer einen Arzt sucht, verlässt sich oft auf Arztsuche- und Bewertungsportale im Netz – allen voran jameda. Das Unternehmen musste nun ein hartes Gerichtsurteil einstecken. Der Bundesgerichtshof Karlsruhe hält das Portal nicht mehr für neutral.

© iStock-AndreyPopov

275.000 eingetragene Ärzte, zwei Millionen Bewertungen und 250.000 online buchbare Termine – mit diesen Zahlen wirbt die Startseite von jameda, „Deutschlands größte Arztempfehlung“ – wie das Online-Portal sich selbst beschreibt. Profitieren also alle Ärzte davon, wenn sie hier gelistet sind und dadurch von potenziellen Patienten schnell gefunden werden? Einer Kölner Hautärztin zufolge nicht – diese hatte gegen das Unternehmen geklagt und die Löschung ihres Profils gefordert. Der Grund: Auf ihrer nicht kommerziellen jameda-Profilseite wurden zahlende Konkurrenzärzte aus der gleichen Region angezeigt. Dieses Feature ist ein Baustein des neuen Geschäftsmodels des Portals: Wenn die Ärzte etwas Geld (zwischen 59 und 139 Euro pro Monat) in die Hand nehmen, profitieren sie – als Silber-, Gold- oder Platin-Kunden – von einigen Vorteilen gegenüber ihren nichtzahlenden Kollegen.

Das bekommen Premium-Kunden

Unter anderem werden die Premium-Kunden als erstes in der Suche auf jameda angezeigt und zwar unabhängig von der Bewertungsnote – allerdings ist dieser Eintrag auch rechtmäßig mit Anzeige gekennzeichnet. Zudem sehen die User auch auf den ersten Blick die Behandlungsschwerpunkte und Leistungen, ein Foto des Arztes mit Direktverlinkung zur Praxis-Website. Ein weiterer Vorteil der zahlenden Kunden: Premium-Ärzte werden sogar besser bei Google gefunden.

Doch Ärzte, die nicht kostenpflichtig auf dem Portal werben, waren noch in einem weiteren Punkt benachteiligt: Auf ihrer Unterseite wurde das Profil der zahlenden Kunden mit gleicher Fachrichtung und ähnlichem Standort eingeblendet. Bei den Premium-Kunden hingegen fehlten Konkurrenz-Profile. Diesen Bonus hat nun der Bundesgerichtshof als unzulässig eingestuft und damit der Dermatologin aus Köln Recht gegeben.

Neutralität verloren

In der offiziellen Begründung hieß es: Mit dem neuen Geschäftsmodell, das zahlende Kunden bevorzuge, verlasse jameda seine Stellung als "neutraler" Informationsmittler. Noch 2014 wurde eine Klage auf Löschung eines Arztes von den Richtern abgelehnt und der freie Austausch der Patienten über Arztbesuche als wichtiger eingestuft als der Datenschutz.

jameda reagierte unverzüglich: „Anzeigen auf Arztprofilen, die Grund für das Urteil waren, haben wir nach Vorgaben der Bundesrichter mit sofortiger Wirkung entfernt“, berichtet der Geschäftsführer Dr. Florian Weiß. Doch löschen will das Portal niemanden: „Patienten finden auf jameda auch weiterhin alle niedergelassenen Ärzte Deutschlands. Ärzte können sich nach wie vor nicht aus jameda löschen lassen“, betont Weiß. 

Ist der Arzt freundlich und kompetent? 

Der wichtigste Standfuß des Portals sind die Patientenbewertungen – sie funktionieren ähnlich wie bei der Hotelbewertung tripadvisor. War der Arzt freundlich und kompetent? Musste man lange warten? Diese Informationen sind natürlich ein enormer Mehrwert für Leute, die auf der Suche nach einem neuen Arzt sind und genau auf solche Kriterien ihre Präferenzen setzen. Je mehr Ärzte in der Suche zu finden sind, umso besser kann der Nutzer vergleichen. 

Seit der Gründung von jameda 2007 hat das Portal eine enorme Reichweite aufgebaut. Mit über sechs Millionen Nutzern pro Monat ist es das mit Abstand meist genutzte Arztsuche- und Arztbewertungsportal in Deutschland. Doch es gibt noch eine Vielzahl anderer erfolgreicher Suchportale mit oder ohne Patientenbewertungen – beispielsweise Aerzte.de, die Weisse Liste der Bundesregierung für Patienten und Pflege, Arzt-Auskunft.de und die Sangeo Arztsuche. Ebenfalls sehr hilfreich ist das Angebot des unabhängigen Rechercheinstituts MINQ, welches auf Grundlage umfangreicher Daten zur Spezialisierung und Qualifikation von Ärzten und Kliniken ein eigenes Datenbanksystem entwickelt hat. Dies ist auch die Quelle der bekannten FOCUS-Ärztelisten.

Wer lieber auf persönliche Beratung setzt, findet meist auch bei seinem Hausarzt oder aber bei Bekannten mit ähnlichen Gesundheitsproblemen Rat – hier sollte man jedoch berücksichtigen, dass diese Einschätzungen auch nicht immer ganz neutral sein können. Was viele nicht wissen: Auch eine Reihe von Krankenkassen unterstützt ihre Mitglieder bei der Suche – meist mit einem eigenen Online-Ärzteführer. Die Siemens-Betriebskrankenkasse (SBK) geht sogar noch einen Schritt weiter: Ihre Kundenberater helfen den Mitgliedern telefonisch dabei, mit Hilfe des speziell entwickelten Auskunftssystem MINQ den perfekten Arzt zu finden. Neben den Qualifikationen und Behandlungsschwerpunkten der Mediziner, fließen hier auch Patientenbewertungen sowie Empfehlungen von Kollegen mit in die Auswahl ein.

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