Was uns Mediziner verschweigen – Teil 4

Werbung für Medikamente: Sind klinische Studien manipuliert?

Wie aussagekräftig sind medizinische Studien? Dienen sie ausschließlich dem Zweck, Werbung für Medikamente zu machen? Und wie viel Einfluss haben die Hersteller auf die Studienergebnisse?

Mikroskop

© iStock-Bogdanhoda

„Die Manipulationen von klinischen Studien sind so häufig und so schwerwiegend, dass man Berichte über diese Studien nur als Werbung für Medikamente betrachten sollte“, sagt Professor Peter C. Gøtzsche, Direktor des Nordic Cochrane Centers am Rigshospitalet in Kopenhagen – und macht sich damit einige Feinde. Denn für einen Mediziner sind das extrem harte Worte. Und sie richten sich nicht nur gegen die Pharmaindustrie – sondern auch gegen alle Ärzte und Forscher, die zu diesem Thema schweigen. Die Wahrheit ist: Die meisten Mediziner tun das. Doch was bedeutet das für uns Patienten?

Verschiedene Interessengruppen

„Auf der einen Seite hat man Studien, die meistens von den Herstellern finanziert und durchgeführt werden und die haben damit die Tendenz, überoptimistisch zu sein. Und auf der anderen Seite haben wir das Problem, dass die Studien, die nicht das gewünschte Ergebnis bringen, auch tendenziell seltener publiziert werden“, erklärt Professor Gert Antes von der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Tatsächlich müssen Pharmafirmen keine Erkenntnisse erfinden oder fälschen – es reicht schon, Fakten anders zu gewichten oder wegzulassen.

Vermeintlich kleine Unterschiede können „auf dem Weltmarkt Milliarden Dollar ausmachen“, erklärt Gøtzsche. Das Prinzip jedenfalls scheint einfach: Wer über die finanziellen Mittel verfügt, bestimmt auch die Ergebnisse. Das bestätigen stichprobenartige Untersuchungen des Cochrane Centers. Sie zeigen je nach Studie, dass zwischen 50 und 61 Prozent der finanzierten Medikamenten-Studien von den zahlenden Pharmafirmen zu ihren Gunsten beeinflusst wurden.

Fehlende Standards

Der Zulassung von Medikamenten stehen manipulierte Studien jedoch nicht im Weg – denn bis heute gibt es keine „disziplinübergreifenden Standards für Gutachterverfahren, genauso wenig wie messbare Qualitätskriterien“ für wissenschaftliche Studien, erklärt Professor Flaminio Squazzoni von der Universität Brescia. Der eigentliche Skandal ist aber, dass es kein Geheimnis ist. Zehntausende manipulierter Studien sind aufgeflogen – enttarnt z.B. von den weltweit rund 37.000 Forschern des Cochrane Centers, die ihre Enthüllungen in namhaften Fachzeitschriften und Medizinjournalen veröffentlichen.
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Ärzte sollten davon wissen. Sie haben eine enorme Verantwortung gegenüber ihrer Patienten – und die erwarten von ihrem Arzt, dass der sich wenigstens über die wichtigsten medizinischen Entwicklungen regelmäßig informiert – vor allem, wenn es Medikamente betrifft, die er verschreibt. Die Vergangenheit zeigt jedoch: Viele Medikamente werden weiter verschrieben, obwohl die Studienlage das eigentlich nicht mehr hergibt. Ein Beispiel ist der sogenannte PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs. Auch wenn Studien ebenso wie sein Entwickler Professor Richard Ablin mittlerweile davon abraten, wird er weiterhin von Ärzten angeordnet. Ähnlich verhält es sich mit dem Beruhigungsmittel Diazepam (Valium). Es klingt wahnsinnig, doch obwohl seit fast 30 Jahren bekannt ist, dass der Stoff ebenso süchtig macht wie Heroin, wird er weiter verschrieben.

Sind wir Versuchs-Kaninchen?

Um die Wirkung von Medikamenten besser überwachen zu können, investieren Pharmafirmen jährlich rund 100 Millionen Euro in sogenannte Anwendungsbeobachtungen. Dabei verordnen Ärzte in ihrer Praxis ein bestimmtes Medikament – und dokumentieren die Wirkung. Doch hilft das Verfahren wirklich dabei, Arzneimittel sicherer zu machen? Genau das bezweifeln viele Experten. Der medizinische Mehrwert dieser verdeckten Medikamentenstudien sei demnach sehr gering – die Honorare der Ärzte dagegen unverhältnismäßig hoch.

Ein Missverhältnis, das für Experten wie Professor Karl Lauterbach ein klares Indiz dafür ist, dass Anwendungsbeobachtungen (AWBs) in Wahrheit Ärzte dazu verleiten sollen, ein bestimmtes Medikament bevorzugt zu verschreiben. Problematisch ist vor diesem Hintergrund auch, dass weder der Staat noch die Krankenkassen diese Verbindung von Ärzten und Pharmaindustrie überwachen. Tatsächlich ist das einzige Kontrollinstrument der Verein „Freiwillige Selbstkontrolle für die Arzneimittelindustrie“.

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