Pharmaindustrie

Was uns Mediziner verschweigen

Nicht jeder Arztbesuch läuft glimpflich ab. Drei Dinge führen dazu, dass Mediziner ihren Patienten mehr schaden als helfen. Wir klären über die dunklen Geheimnisse der Medizin auf.

Arzt

© istock/xmee

Es ist ein Vertrag, dessen Gültigkeit weder eine Unterschrift noch eine mündliche Zustimmung oder einen Handschlag benötigt. Er tritt automatisch in Kraft – jedes Mal, wenn man das Sprechzimmer des Arztes betritt. Mit dem sogenannten Behandlungsvertrag verpflichtet sich jeder Arzt dazu, seinen Patienten aufzuklären, ihn zu beraten und Schaden von ihm abzuwenden. Was jedoch kaum jemand weiß: Jeden Tag werden diese Verträge von Ärzten gebrochen. Oft unbewusst, manchmal jedoch auch mit voller Absicht. Aber warum? Grundsätzlich gibt es für diese Vertragsbrüche drei Gründe.

1. Unwissenheit

Selbst bahnbrechende neue Erkenntnisse brauchen bis zu 30 Jahre (!), bis sie von allen behandelnden Ärzten berücksichtigt werden. Beispiel: Seit drei Jahrzehnten ist bekannt, dass das Beruhigungsmittel Diazepam (Valium) ebenso süchtig macht wie Heroin – dennoch wird es bis heute millionenfach verschrieben.

2. Unehrlichkeit

„Was würden Sie tun, wenn Sie an meiner Stelle wären?“ Viele Mediziner fürchten diese Frage und antworten darauf nicht ehrlich bzw. verschweigen den Patienten ihre persönliche Einschätzung. Beispiel: Eine Umfrage der Duke University in North Carolina sollte herausfinden, ob Ärzte ihren Patienten bei einer Darmkrebs-Diagnose die Behandlung empfehlen, die sie selbst als beste erachten. Das Ergebnis alarmierte die Fachwelt: Von 500 Ärzten rieten 40 Prozent ihren Patienten zu einer Operation, die sie für sich selbst ablehnen würden, weil sie zu viele Nebenwirkungen hat.

3. Desinformation

Fakt ist: Mehr als 50 Prozent der finanzierten Medikamenten-Studien werden von den Pharmafirmen zu ihren Gunsten beeinflusst. „Auf der einen Seite hat man Studien, die meistens von den Herstellern finanziert und durchgeführt werden, und die haben damit die Tendenz, überoptimistisch zu sein. Und auf der anderen Seite werden die Studien, die nicht das gewünschte Ergebnis bringen, tendenziell seltener publiziert“, erklärt Professor Gert Antes von der Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg. Für die Ärzte bedeutet das: Bei der Beratung ihrer Patienten verlassen sie sich nicht selten auf Studienergebnisse, die wissenschaftlich nicht haltbar sind. Auch das wird jedoch den Behandelten verschwiegen.
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Wer schützt die Patienten?

Es gibt allerdings eine Instanz, die diesen Missständen in der Medizin den Kampf angesagt hat: die Cochrane Collaboration – ein Netzwerk unabhängiger Mediziner und anderer Wissenschaftler, das weltweit seit 20 Jahren operiert und sich zu einer Art inoffiziellem TÜV für medizinische Produkte und Verfahren entwickelt hat. Idee und Name dieser Gruppe gehen zurück auf den Mediziner Archie Cochrane, einen der Gründerväter der „evidenzbasierten Medizin“. Ziel der Forscher ist es, die unabhängigen und aussagekräftigen Studien von denjenigen Evaluierungen herauszufiltern, die von Pharmakonzernen in Auftrag gegeben worden, nur mit dem Zweck, das getestete Medikament in den Markt einzuführen.

Um Letzteres zu verhindern, werden durch systematisches Überprüfen, Vergleichen und Zusammenfassen von verschiedenen Studien die Wirksamkeit und die Risiken eines Medikaments kontrolliert – und so die Gesundheit der Patienten gewährleistet. Mittlerweile arbeiten für die Cochrane Collaboration mehr als 37.000 Wissenschaftler in 100 Ländern – ohne Bezahlung. Ihr Ziel: „Wir wollen das Risiko verringern, dass Ärzte ihre Patienten umbringen, nur weil sie einer möglicherweise gefälschten Studie vertraut haben“, sagt Iain Chalmers, der die Organisation gründete.

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