Problembewältigung

TelefonSeelsorge: Wer findet Hilfe und wer sitzt am anderen Ende der Leitung?

Anonym, kompetent, rund um die Uhr – das macht die TelefonSeelsorge aus. Rund zwei Millionen Anrufe von Hilfesuchenden gehen hier jährlich ein. Die Mitarbeiter haben ein offenes Ohr für alle, die in großer Not sind oder einfach jemanden zum Reden brauchen. Doch wer sitzt eigentlich am anderen Ende der Leitung?

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Viele Menschen glauben, dass die TelefonSeelsorge eine reine Anlaufstelle für Suizidgefährdete ist, doch dem ist nicht so. „Sie richtet sich an alle Menschen, die eine Entscheidung durchdenken wollen oder die über ein sie belastendes Thema reden möchten“, erklärt Frau Astrid Fischer Pressesprecherin der TelefonSeelsorge im Gespräch mit der LGO-Redaktion. Die Mitarbeiter stehen allen Ratsuchenden – egal ob jung oder alt, Mann oder Frau, katholisch oder muslimisch – Tag und Nacht zur Seite. Die Gründe wieso jemand anruft, sind vielfältig: Probleme in der Partnerschaft oder Schule, Arbeitsplatzverlust, Mobbing, Kinderwunsch, Erziehungsfragen, Gewalt, Missbrauch, Krankheit, Einsamkeit etc.

„Die Seelsorgesuchenden sind mit einem Thema belastet. Manchmal sind ihre Gedanken und Emotionen unsortiert oder sie befinden sich auf der Suche“, berichtet Fischer. Dabei könne die TelefonSeelsorge sehr gut unterstützen, denn die Gespräche helfen dabei, die eigenen Gedanken und Gefühle zu sortieren. Das oberste Maxim der TelefonSeelsorge ist es nicht wertend einzugreifen, sondern in der Rolle eines Begleiters zu agieren. „Das zeigt, dass wir die Gefühle und Lebenswege der Menschen respektieren“, so Fischer.

Die ehemalige Bundesministerin für Familie Manuela Schwesig beschrieb das Angebot wie folgt: „Die TelefonSeelsorge trägt entscheidend dazu bei, dass Menschen in Not wieder Vertrauen in die eigene Handlungsfähigkeit gewinnen, Perspektiven zur Lösung von Problemen finden oder die Bereitschaft entwickeln, sich vertrauensvoll an eine Beratungsstelle vor Ort zu wenden.“

Nur ein Anruf oder eine Mail

Die meisten Hilfesuchenden rufen die kostenlose Hotline an. Diese ist absolut anonym. Die Mitarbeiter unterliegen der Schweigepflicht, die eigene Rufnummer erscheint nicht auf dem Display der TelefeonSeelsorger und der Anruf wird später nicht als Einzelverbindungsnachweis in der Telefonrechnung aufgeführt. Selbst Eltern oder Partner erfahren so nicht vom Anruf. Dies erleichtert den Schritt Hilfe zu suchen enorm, schämen sich doch viele für ihre Situation und Hilfsbedürftigkeit. So führen die Mitarbeiter zwei Millionen Gespräche jedes Jahr – und zwar tagsüber genauso wie in der Nacht. Die Notsituation hält sich nicht an Öffnungszeiten.

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Neben der Telefonhotline bietet die TelefonSeelsorge auch eine E-Mailberatung und einen Chat an, welche vor allem von jungen Menschen genutzt werden. Die Mitarbeiter beantworten Mails in der Regel innerhalb von drei Tagen und versuchen darin Denkanstöße und Hilfestellung zu geben. Der Kontakt ist ebenfalls anonym und kostenlos. Einen Account kann man anlegen ohne seine E-Mailadresse anzugeben und der Datenaustausch ist besonders gut verschlüsselt. 

Ohne Ehrenamtliche undenklich

Doch wer sitzt eigentlich am anderen Ende der Telefonleitung? Es sind über 8.000 ehrenamtliche gut geschulte Mitarbeiter – nur so ist es möglich, dass immer jemand 24 Stunden am Tag erreichbar ist. Die Ehrenamtlichen müssen mindestens 25 Jahre alt sein, spezielle Berufsvoraussetzungen sind nicht nötig. Die meisten TelefonSeelsorger sind zwischen 30 und 60 Jahre alt, haben einen höheren Bildungsabschluss und sind weiblich.

Was aber treibt Menschen dazu, dieses Amt anzutreten? „Die meisten Ehrenamtlichen fühlen sich motiviert durch eine Aufgabe, in der sie selbständig und verantwortlich tätig sein können. Sie schätzen es, aktiv und sozial wirksam zu sein. Sie möchten das Gefühl haben, gebraucht zu werden und etwas Sinnvolles zu tun“, schreibt die TelefonSeelsorge. Ein weiteres Motiv: wertvolle zwischenmenschliche Erfahrungen zu machen, Neues zu lernen und soziale Kompetenz zu erwerben. „Ich bin Seelsorgerin geworden, weil mir wichtig war, der Gesellschaft etwas zurück zu geben. Mir war damals bewusst, dass ich ganz gut mit Menschen reden kann und da lag die TelefonSeelsorge nahe“, berichtet Frau Helga Kretschmann (TelefonSeelsorge-Stelle Ahrweiler).

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Alltäglich belastende Gespräche 

Wer andere in solch schwierigen Situationen unterstützen will, braucht eine dicke Haut, viel Einfühlungsvermögen und Lebenserfahrung. Vor dem Einsatz – rund 15 Stunden Telefondienst zu jeder Uhrzeit pro Monat – durchläuft jeder Mitarbeiter eine einjährige Ausbildung. „Von der Dienststelle erhalten wir zudem regelmäßig Supervisionen, in denen wir Gespräche noch einmal reflektieren können. Das ist, ebenso wie die Schulungen, sehr hilfreich und macht mich in allen Lebenslagen besser in meiner Kommunikation und sicherer im Umgang mit den Anrufenden“, sagt Kretschmann. Auch gemeinsame Unternehmungen und ein reger Austausch helfen, die oft sehr belastenden Telefonate aufzufangen. „Darüber hinaus liegen zwischen unseren Diensten immer einige Tage Abstand, damit wir alles verarbeiten können, was uns in den Gesprächen erzählt wird. Mir hilft auch dabei, dass ich in die Dienststelle gehe, um dort ans Telefon zu gehen. Dadurch habe ich eine Trennung zwischen den Anrufen und meiner Freizeit“, berichtet Kretschmann.

Bewährtes Prinzip

Neben den tausenden Ehrenamtlichen arbeiten bei der TelefonSeelsorge 300 Hauptamtliche. Diese bilden die Ehrenamtlichen aus, begleiten sie und organisieren alles. Dieses Prinzip hat sich bewährt: Schon seit über 60 Jahren gibt es die TelefonSeelsorge in Deutschland, welche von der Evangelischen und Katholischen Kirche getragen wird. Heute existieren 100 Anlaufstellen. In 27 Orten kann man sich auch Vorort von hauptamtlichen Mitarbeitern beraten lassen. „Diese Stellen eignen sich vor allem für die Menschen, die gerne ein Gesicht sehen möchten, wenn sie ein Gespräch führen“, erklärt Fischer.

Wenn Sie Probleme oder Sorgen haben, scheuen Sie sich nicht und wenden Sie sich an die TelefonSeelsorge unter der kostenlosen Telefonnummer 0800/111 0 111 oder 0800/111 0 222. Per E-mail können Sie hier Kontakt aufnehmen: https://ts-im-internet.de/. Mehr Informationen finden Sie unter: http://www.telefonseelsorge.de/

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