Medizin

Scheintod – Auf der schmalen Grenze zwischen Leben und Tod

Kein Atemzug, das Herz steht still – und trotzdem lebt der Betreffende noch: Scheintod nennt sich dieses Phänomen, von dem sich sogar Ärzte täuschen lassen. Wir erklären, was dahinter steckt und welche sicheren Todeszeichen es gibt.

© iStock-shironosov

Die „Vita Minima“, auch Scheintod genannt, ist ein Zustand, in dem die Lebenszeichen eines Menschen unglaublich gering sind: Atmung, Puls und Körperreflexe können nicht oder kaum mehr festgestellt werden. Diese schmale Grenze zwischen Leben und Tod wird heute von der Medizin für operative Eingriffe genutzt – mit teils erstaunlichen Ergebnissen: So war die Amerikanerin Pam Reynolds während einer Gehirnoperation eine Stunde lang klinisch tot. Obwohl ihr Gehirn nicht funktionierte und ihre Augen und Ohren zugeklebt waren, verblüffte sie die Ärzte nach dem Eingriff mit detaillierten Beschreibungen ihrer Operation.

Lebendig ohne Lebenszeichen

Bei Scheintoten sind keine Atembewegungen mehr sichtbar oder durch das Auflegen der Hände auf den Brustkorb wahrnehmbar. Auch ein Puls ist nicht festzustellen, Körper-Reflexe lassen sich nicht auslösen. Selbst für Experten ist es schwer zu erkennen, dass die Betreffenden nur scheintot sind.

Zu einer relativ sichereren Diagnose verhilft ein Elektrokardiogramm: Mit dem EKG kann ein Arzt auch einen sehr geringen Puls feststellen, denn es misst jede elektrische Regung des Herzens. Doch auch ein EKG gewährleistet nicht zu 100 Prozent, den Tod eindeutig feststellen zu können. Denn beim so genannten Lazarus-Phänomen lässt sich auch mit dem EKG keine Herzaktion wahrnehmen – obwohl der Betreffende nicht wirklich tot ist. Es sind Fälle bekannt, dass Menschen trotz Reanimationsversuchen für Minuten und sogar bis zu einer Stunde nicht die geringsten Lebenssignale zeigten. Und plötzlich setzten Kreislauf und Atmung wieder ein. Immer noch kann dieses Phänomen nicht wissenschaftlich erklärt werden.

Die vier sicheren Zeichen des Todes

Heute müssen Ärzte auf vier sichere Todeszeichen achten, bevor sie einen Menschen eindeutig für tot erklären können. Erstes Anzeichen: Totenflecken. Dabei handelt es sich um blau-violette Verfärbungen der Haut, die normalerweise 15 bis 30 Minuten nach dem Tod auftreten. Das zweite sichere Todeszeichen ist die Totenstarre: Zwei bis vier Stunden nach dem Tod erstarrt die Muskulatur und der Körper wird steif. Als drittes sicheres Zeichen gilt das Einsetzen von Fäulnis. Und schließlich gibt es noch Verletzungen, mit denen ganz offensichtlich niemand mehr weiterleben kann – etwa wenn der Kopf vom Rumpf getrennt ist.

Insbesondere in Fällen von Unterkühlung kann es leicht dazu kommen, dass ein Mensch für tot erklärt wird, obwohl er noch lebt. Denn bei niedrigeren Körpertemperaturen sind nicht nur die Lebenszeichen reduziert, sondern auch die Nervenzellen im Gehirn besser geschützt. Diese benötigen weniger Sauerstoff und nehmen dadurch auch bei längerer Unterversorgung keinen Schaden. Bei normaler Körpertemperatur hingegen führt ein Kreislaufstillstand bereits nach wenigen Minuten zum Tod.

Erlebnisse zwischen Leben und Tod

Den Schutzeffekt, den eine Abkühlung für das Gehirn hat, spielt beispielsweise in der Gehirnchirurgie eine wichtige Rolle. Bei Operationen wird hier unter Umständen die Körpertemperatur bewusst abgesenkt, um Hirnschäden zu vermeiden. Ein besonders spektakulärer Fall ist derjenige der Amerikanerin Pam Reynolds aus dem Jahr 1991. Reynolds hatte eine lebensgefährliche Gefäßerweiterung im Gehirn. Um das Problem operativ beheben zu können, kühlten die Ärzte ihren Körper von 37 auf 30 Grad Celsius herunter. Ihr Herz blieb stehen, das aufgeblähte Gefäß in ihrem Gehirn fiel zusammen und konnte nun entfernt werden. 

Während der Operation stand die Patientin unter Vollnarkose, ihre Augen und Ohren waren die ganze Zeit verschlossen. Und doch berichtete sie anschließend Unglaubliches: Sie sei gewissermaßen aus ihrem Körper herausgesprungen, habe sich selbst auf dem OP-Tisch liegen gesehen und dem Arzt bei der Operation zugesehen. Sogar die Operationswerkzeuge, die sie nachweislich nie gesehen hatte, konnte sie genau beschreiben – und auch die Gespräche der Chirurgen wörtlich wiedergeben. 

Dieses Phänomen bezeichnet man als „Nahtoderfahrung“. Viele Herzinfarktpatienten berichten davon. Einige sehen ihr gesamtes Leben vor ihren Augen ablaufen, andere erblicken ein helles Licht. Der Fall Pam Reynolds ist jedoch einzigartig, denn noch nie zuvor hat ein Mensch derartige Details wiedergeben können, obwohl er klinisch tot war. Zwar können Wissenschaftler erklären, was mit unserem Körper geschieht, wenn wir sterben. Aber was im Übergangsstadium zwischen Leben und Tod in unserem Gehirn passiert, ist noch völlig unklar.

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