Krankheiten

Multiple Sklerose: Eine unheilbare Krankheit?

Bei der Diagnose Multiple Sklerose (MS) denken viele an ein Leben im Rollstuhl. Doch die Krankheit kann auch harmlos verlaufen. Bislang ist sie nicht heilbar, aber die Forschung macht Fortschritte: zumindest in Tierversuchen.

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Multiple Sklerose fängt meist aus heiterem Himmel an. Die ersten Anzeichen: Die Kranken sehen doppelt oder leiden an Schwindelgefühlen. Der Grund: Die Schutzhüllen der Nervenbahnen sind zerstört. Die Diagnose MS erschreckt, denn die Krankheit verläuft unberechenbar und ist nicht zu heilen. Doch Medikamente können heute die Symptome recht gut in Schach halten. Und Ärzte sind dabei, neue Wirkstoffe zu entwickeln, die ein weiteres Zerstören der Schutzhüllen verhindern.

Hoffnung aus dem Labor

Ziel vieler Forscher: Sie wollen die zerstörte Myelinschicht der Nervenzellen wiederherstellen oder zumindest ein Folgeentzündung abwenden. Beides ist im Tierversuch nun gelungen.
 
Um das erste Ziel zu erreichen, wurden Tests mit Mäusen gestartet, die kein Myelin bilden konnten. Ihnen spritzten amerikanische Wissenschaftler künstlich gezüchtete Zellen, die die Myelinschicht wieder wachsen lassen. Der Versuch gelang: Im Rückenmark der Vierbeiner bildete sich eine neue Schutzschicht um die Nervenzellen. Ungewiss ist noch, ob der Versuch auch beim Menschen funktioniert.
 
Beim zweiten Test konnten Schweizer Forscher eine Entzündung der Myelinschicht verhindern – zumindest bei Ratten. Einzige Einschränkung: Die Tiere waren nicht an MS, sondern an Hirnhautentzündung erkrankt. Sie bekamen den künstlich hergestellten Stoff „GM6001“. Er bewirkte, dass mehr als 90 Prozent der Tiere die Krankheit ohne Entzündung überlebten. Die Forscher denken, dass GM6001 auch bei MS-kranken Tieren wirken könnte. Untersuchungen folgen.

Was ist MS?

MS, so die Abkürzung, ist nicht ansteckend. „Multiple“ bedeutet „mehrere“ und „Sklerose“ steht für „Narben“. In Deutschland betrifft das Leiden etwa 140.000 Menschen. 70 Prozent von ihnen sind Frauen. Die Krankheit tritt vorwiegend in Nordeuropa und Nordamerika auf. MS wird nicht direkt vererbt, doch Töchter von MS-kranken Müttern tragen ein Risiko von 1:100, auch an Multiple Sklerose zu erkranken. Für Söhne besteht eine geringere Gefahr der Übertragung. Die Ursachen für MS sind bislang unbekannt. Mitunter sollen Viren und schädliche Umwelteinflüsse MS auslösen. Ohne Vorwarnung bricht MS meist zwischen dem 20. und 40. Lebensjahr aus.
 
MS ist eine Erkrankung des Gehirns und des Rückenmarks. Bei gesunden Menschen werden von hier aus alle Nervenimpulse von Nervenfasern weitergeleitet. Bei MS-Kranken ist dieser Informationsfluss gestört. Der Grund: Die Schutzhüllen, die die Nervenfasern wie ein elektrisches Kabel umschließen, sind porös. Nervenimpulse bleiben dann auf der Strecke. Diese Schutzhülle heißen auch Myelinhüllen oder Myelinscheiden.

Wie macht sich MS bemerkbar?

Die für Multiple Sklerose typischen Schübe treten unvermittelt auf. Erste Alarmzeichen: Man sieht seine Umgebung verwischt, wie durch ein Milchglas. Auch Doppelbilder, Kribbeln und Taubheitsgefühle auf der Haut zählen zu den Symptomen; ebenso Gleichgewichtsstörungen, Schwindel, Lähmungserscheinungen sowie Sprach-, Blasen-, und Mastdarmstörungen. Es müssen aber immer mehrere Anzeichen öfter als einmal auftreten, um MS in Betracht zu ziehen. Auch für Ärzte ist es schwierig, MS eindeutig festzustellen. Bislang gibt es dafür keine speziellen Tests. Meist dauert es rund vier Jahre, bis die Diagnose „MS“ feststeht.
 
Die Krankheit verläuft bei jedem anders. Sie kann sich jederzeit stabilisieren oder verschlechtern. Einige haben nur einmal im Leben einen Schub. Andere bekommen immer wieder Schübe, die mindestens 24 Stunden, aber auch wochenlang anhalten können. Meist folgt danach eine Erholungsphase. Bei einem Fünftel aller MS-Kranken werden die Schüben immer schlimmer und ein Drittel ist irgendwann auf einen Rollstuhl angewiesen.

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Wirksame Wunderwaffen

Die wirksamsten Mittel bei einer schubförmig verlaufenden MS sind sogenannte Beta-Interferone. Diese Substanzen lindern die Entzündungen an den Nervenbahnen, reduzieren neue Schübe. Zudem bremsen sie ein Schrumpfen des Gehirns. Wichtig, denn die Abnahme von Hirngewebe ist charakteristisch bei MS-Kranken. Beta-Interferone sind teuer. Nur wenige Patienten bekommen sie auf Rezept. 

Immunglobuline
Gute Alternative mit vergleichbaren Kosten: hochdosierte Immunglobuline. Sie wehren Krankheitserreger ab. Gerade bei Patienten mit einer schubförmig verlaufenden MS ist ein Immunglobulin-Therapie anzuraten. 

Kortison
Weit günstiger ist Kortison. Viele Ärzte spritzen das Hormon in großen Mengen. Es dämmt akute Schübe ein. Bald wird Kortison auch in Tablettenform erhältlich sein. Und bei spastischen Anfällen oder Appetitlosigkeit lindern in einzelnen Fällen auch Cannabis-Produkte.

Ernährung und Bewegung
Viele MS-Kranke können sich nur mehr eingeschränkt bewegen. Ihnen hilft oft eine Bewegungstherapie. Sie unterstützt die Patienten, ohne Hilfe zurecht zu kommen. Wenig Nutzen bringen dagegen einseitige Diäten, die einige selbsternannte Mediziner anbieten. Vielmehr trägt eine ausgewogene Ernährung zur Fitness bei. Sie besteht aus vielen Vitaminen und Ballaststoffen sowie wenig Fett, Salz und Zucker. Ebenso zu meiden sind Alkohol und Zigaretten, denn sie führen zu Durchblutungsstörungen.

Schwangerschaft und MS
Gerade während der Schwangerschaft fühlen sich MS-kranke Frauen besonders wohl. Doch kurz nach der Geburt besteht erhöhte Gefahr, einen Schub zu erleiden. Bei Fragen kann man sich an die Professorin Judith Haas, Leiterin einer Schwerpunktklinik für Multiple Sklerose im Jüdischen Krankenhaus in Berlin, wenden.

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