Therapien

Krebs - Wenn Zellen verrücktspielen

Im Kampf gegen Krebs sollen Chemo- und Strahlentherapie bald Unterstützung bekommen: Forscher lassen Tumore schmelzen, drehen ihnen die Blutzufuhr ab und hoffen auf Fortschritte in der Gentherapie.

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Krebszellen entstehen andauernd in unserem Körper. Normalerweise merken wir nichts davon. Unser Abwehrsystem beseitigt sie gewissenhaft und schnell. Entkommen bösartige Zellen der Krebspolizei, kann sich aus ihnen ein lebensbedrohlicher Tumor entwickeln. Aber schon bald könnten Chemotherapie und Röntgenstrahlen nicht mehr die einzigen Waffen der Ärzte sein: Mit Mini-Tauchsiedern wollen sie Tumore verglühen oder ihnen durch neue Wirkstoffe die Blutzufuhr abdrehen.

Blackout im Zellgenom

Krebszellen entstehen pausenlos in unserem Körper. Zigaretten, UV-Strahlen, Viren und andere schädliche Umwelteinflüsse sind nur einige Auslöser. Aber nicht jeder wird auch krank. Denn die meisten der tödlichen Zellen werden von unserem Abwehrsystem in Schach gehalten. Trotzdem lautet pro Jahr für über 300.000 Deutsche die Diagnose Krebs – mehr als 200.000 Menschen sterben daran. 

Die Mediziner unterscheiden etwa 100 Krebsarten. So verschieden diese sind, sie haben immer die gleiche Ursache: Eine Körperzelle teilt sich viel häufiger als normal. Innerhalb kürzester Zeit bilden sich Milliarden neuer Zellen, die sich zu einer Geschwulst zusammenschließen. Grund für die unkontrollierten Massenteilungen: Die Erbsubstanz der Krebszellen – die DNA – wurde beschädigt. Manchmal passiert das spontan, oft sind Umwelteinflüsse der Auslöser. Auf der DNA sind alle Informationen unseres Körpers gespeichert. Auch diejenige, wann und wie oft sich eine Zelle teilen darf. 

Obwohl Massen von Krebszellen unseren Körper bedrohen, werden wir nur selten krank. Eine Krebspolizei – die sogenannten Wächterproteine – kontrolliert gewissenhaft die DNA aller neu entstehenden Zellen. Entdeckt sie einen Fehler, schlägt sie Alarm. Sofort eilt ein Rettungstrupp zu Hilfe und versucht, die fehlerhafte DNA zu reparieren. Ist der Schaden zu groß, leiten die Wächterproteine ein Notprogramm ein: Die Krebszellen zerstören sich selbst. 

Werden die Wächterproteine beschädigt, können sich Krebszellen ungehindert ausbreiten. Eines der bekanntesten Wächterproteine ist das sogenannte p53. Wissenschaftler haben herausgefunden, dass p53 bei der Hälfte aller Tumore zerstört ist. Solange sich Krebszellen nur an einem Ort teilen sind sie noch relativ harmlos. Gefährlich werden sie erst, wenn sie Tochterzellen – die sogenannten Metastasen – in andere Gewebe verschicken. Ärzte können die vielen Minitumore dann nur noch schwer entdecken und bekämpfen.

Gezieltes Bombardement und schmelzende Tumore

Auf die Diagnose Krebs folgt oft die Strahlentherapie. Aber: Je tiefer Röntgenstrahlen in das menschliche Gewebe eintauchen, desto mehr Energie verlieren sie. Breitet sich ein Tumor zum Beispiel tief im Gehirn aus, zerstören Röntgenstrahlen auf ihrem Weg zum Einsatzort Massen von gesunden Zellen. Den Krebs selbst bombardieren sie dann nur noch mit halber Kraft. Hier soll die Ionen-Bestrahlung helfen. Wissenschaftler des Deutschen Krebsforschungszentrums Heidelberg beschleunigen winzige Teilchen – die Kohlenstoff-Ionen – auf enorme Geschwindigkeiten. Nach der Prozedur sind die Partikel so schnell, dass sie die Welt in weniger als einer Sekunde umrunden könnten. Bei diesem Tempo bündeln sie sich zu einem dünnen Strahl, den die Ärzte millimetergenau auf die Krebsgeschwulst des Patienten richten. Der Vorteil: Die Kohlenstoff-Ionen geben ihre gesamte Energie direkt im Tumor ab. Das gesunde Gewebe wird verschont. 

Am Berliner Charité versuchen Wissenschaftler, Tumore mit einer Art Tauchsieder zu verglühen. Ihr Handwerkszeug – nanometergroße Eisenteilchen – sind mit bloßem Auge nicht zu erkennen. Ungefähr eine Million von ihnen hätten in einem Sandkorn Platz. Diese Mini-Partikel spritzen die Ärzte direkt in den Tumor des Patienten. Durch eine spezielle Maschine lassen sie sich von außerhalb des Körpers schmerzfrei auf über 40 Grad erwärmen.

Die Hitze wird dem Tumor zu viel: Er schmilzt wie Plastik in einer Mikrowelle. Gesunde Zellen werden dabei nicht angegriffen. Jetzt kommen die natürlichen Fresszellen zum Einsatz. Sie beseitigen die Reste der abgestorbenen Krebszellen und transportieren die Eisenteilchen zu Milz und Leber, wo diese abgebaut und ausgeschieden werden. Mit der Nanotechnologie konnten die Wissenschaftler bei Mäusen bereits einen großen Brusttumor vollständig zum Zerfließen bringen. Wie die neue Therapieform beim Menschen wirkt, wird demnächst getestet.

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Hungerkur für Geschwüre

Die Idee klingt simpel: Statt sie mit Chemotherapie und Strahlen zu bekämpfen, wollen Wissenschaftler in Zukunft Tumore aushungern lassen. Denn wie jedes Gewebe brauchen Krebsgeschwüre zum Wachsen Nährstoffe aus dem Blut. Normalerweise entstehen aber nach der Geburt keine neuen Blutgefäße mehr. Mit einer Ausnahme: Verletzen wir uns, müssen die zerstörten Adern durch gesunde ersetzt werden. Diesen Vorgang nennen die Wissenschaftler Angiogenese. Krebszellen verhalten sich wie verwundetes Gewebe. Sie senden Botenstoffe aus, die neue Gefäße sprießen lassen und sie an den „Supermarkt“ Blutkreislauf ankoppeln. Ziel der Wissenschaftler ist es, diese Botenstoffe zu blockieren und so die Krebszellen von ihrer Versorgungsquelle abzutrennen. Bei Mäusen ist ihnen das bereits gelungen. Darm-, Brust- und Prostatatumore der Nager stellten ihr Wachstum ein oder schrumpften sogar. Wie die „Krebsdiät“ beim Menschen wirkt, bleibt spannend. 

Haarfarbe, Größe oder Geschlecht: 300.000 Gene bestimmen unser Aussehen und unsere Gesundheit. Mit der Entschlüsselung des menschlichen Genoms wächst für Viele auch die Hoffnung auf neue Wirkstoffe gegen Krebs. Jede Zelle hat ihre eigene Festplatte: die DNA. Wie im Computer ist sie in verschiedene Programme – die Gene – unterteilt. Wenn die DNA eines Genes zerstört wird, fängt die Zelle an, sich hemmungslos zu teilen. Ein Krebsgeschwür entsteht.

Bis jetzt ist die Festplatte DNA nur teilweise geordnet. Die Wissenschaftler können oft nicht feststellen, welches defekte Gen-Programm zum Beispiel Leberkrebs verursacht. Deshalb wollen sie als Erstes die DNA aufräumen und jedem Gen eine oder mehrere Krankheiten zuweisen. Ist das geschafft, sollen im Labor nachgebaute Gene direkt in den Körper gespritzt werden. Diese könnten dann die Aufgaben der zerstörten Gene übernehmen und die Zelle würde sich wieder normal teilen.

Klassische Behandlungsmethoden

Operation, Bestrahlung, Chemotherapie: die wichtigsten Behandlungsmethoden gegen Krebs. Ob sie alleine oder in Kombination angewendet werden, hängt von der Art des Tumors und dem Zeitpunkt der Diagnose ab.

Solange der Krebs keine lebenswichtigen Organe befallen hat, können ihn Chirurgen durch eine Operation entfernen. Manchmal lauert er aber weiter im Verborgenen. Entkommen einzelne Krebszellen dem Skalpell, bilden sie an anderen Körperstellen neue Tumore – die sogenannten Metastasen. Um das zu verhindern, zerstören Ärzte Krebsrückstände im operierten Bereich durch Röntgenstrahlen.

Tumorzellen die sich schon im Körper verteilt haben, können durch eine Chemotherapie aufgespürt werden. Dabei gelangen die Wirkstoffe über Spritzen oder Tabletten in die Blutbahn. Von hier aus breiten sie sich bis in die entlegensten Körperregionen aus. Der Haken: Neben Krebszellen töten sie auch gesunde Zellen. Nebenwirkungen wie Übelkeit, Erbrechen und Haarausfall quälen den Patienten. Für Ärzte ein wichtiger Grund, die Dosierung genau auf die Krankheit abzustimmen. 

Der Vorab-Check findet im Reagenzglas statt. Tumorzellen aus dem Körper des Kranken werden hier auf Resistenzen gegen Chemotherapeutika geprüft. Denn genau wie Bakterien und Viren können sich Krebszellen vor Medikamenten tarnen. Durch einen Test schließen Ärzte unwirksame Mittel von Anfang an aus. Trotzdem lässt sich nur mit 60-prozentiger Sicherheit vorhersagen, ob die Zellen im Körper tatsächlich auf das Medikament der Wahl reagieren.

Ein altbekanntes Druidenkraut – die Mistel – scheint ebenfalls einigen Nebenwirkungen lindern zu können. Schon der griechische Arzt Hippokrates (460 - 377 vor Christus) empfahl die Pflanze als Heilmittel. Heutige Studien belegen, dass Mistelextrakte das Immunsystem der Krebspatienten stärken, Müdigkeit und Erbrechen abschwächen sowie den Appetit anregen. Ob und wie das Kraut genau wirkt, wird gerade erforscht.

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