Therapie

Hypnose: Warum die tiefe Trance uns Schmerzen vergessen lässt

Nie mehr Angst vor dem Zahnarzt: Für viele Menschen könnte das bald wahr werden. Mediziner entdecken die Hypnose für neue Therapien und Schmerzbehandlungen. Was in der Trance noch alles möglich ist und wie sie sich auf unser Gehirn auswirkt.

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Auf der Insel Phuket, Thailand, findet alljährlich im Oktober eine schaurig-schöne Zeremonie statt: Das „Vegetarierfest“. Menschen versetzen sich in Trance und lassen sich bei lebendigem Leib den Mund durchbohren. In Selbsthypnose sind sie frei von Schmerz. Ebenso erstaunlich: Die Wunden bluten kaum und heilen meist ohne Infektion. Die Gläubigen wollen in Kontakt mit Göttern und Tiergeistern treten. Dabei sind tierische Nahrungsmittel natürlich tabu. Die Spieße durch den Mund sollen signalisieren: Mein Mund ist für Fleisch blockiert. Bevor ich ein Tier töte, durchbohre ich mich lieber selbst. Wer sich selbst überwindet, wird als Medium zu den Göttern verehrt, das seinerseits Heilkräfte besitzt. Ob Aberglaube oder Wirklichkeit: Es ist ein eindrucksvoller Beweis dafür, dass der Mensch allein durch seinen Geist Schmerz überwinden kann. Auch westliche Mediziner sind inzwischen davon überzeugt, dass das Ganze kein Trick ist.

Selbstbetrug und Schmerztherapie

Hypnose kommt vom griechischen Wort „Hypnos“, das heißt „Schlaf“ – eine irreführende Bezeichnung, denn Hypnose ist ein wacher, hochkonzentrierter Wachzustand. 90 Prozent aller Menschen sind hypnotisierbar, 20 Prozent davon gelten als „hoch hypnotisierbar“. Entscheidend ist, wie sehr man sich auf die Suggestionen des Hypnotiseurs einlässt: Jede Hypnose ist letztendlich eine „Selbsthypnose“. Der hypnotisierte Zustand heißt auch „Trance“. Hypnose kann vielseitig eingesetzt werden: Neben der etwas in Verruf gekommenen „Show-Hypnose“ wird sie zur Schmerzbekämpfung angewendet, zum Beispiel um einen Weisheitszahn zu ziehen, oder bei chronischen Rückenschmerzen. Auch Psychotherapeuten arbeiten mit „Hypnotherapie“, um zum Beispiel frühkindliche Traumata bewusst zu machen und zu heilen. Denn in Hypnose ist das Erinnerungsvermögen so stark, dass man sich sogar an Erlebnisse in den allerersten Lebensjahren zurückerinnern kann.
 
Inzwischen benutzten Mediziner den Trance-Zustand in vielen Bereichen: Vor allem Zahnärzte nutzen Hypnose für operative Eingriffe. Gehirnforscher haben herausgefunden, wie Hypnose Schmerzen ausschaltet. Mithilfe der funktionellen Kernspintomographie haben sie zwei Gehirnregionen ausfindig gemacht, die darüber entscheiden, wie unangenehm wir Schmerz empfinden: Zum ersten eine Region namens „ACC“ (Anteriorer cingulärer Cortex). Sie verarbeitet Gefühle und bewirkt, dass wir Schmerz als „Leiden“ oder „Qual“ empfinden. Die zweite Region, der so genannte „Mandelkern“, erzeugt die Angst vor dem Schmerz. Unter Hypnose sind negative Gefühle und Angst weitgehend ausgeschaltet, wir spüren zwar noch etwas, aber es ist uns relativ egal.

Ablauf einer Hypnosesitzung

Eine Hypnosesitzung erfolgt in drei Schritten:

1. Die Einleitung
Show-Hypnotiseure sprechen dabei eher befehlsmäßig („Ich zähle jetzt bis drei: Deine Augen werden schwer, du wirst müde“). Therapeuten arbeiten eher sanft mit Entspannung („Du spürst deine Atmung, Schritt für Schritt entspannen sich Deine Muskeln, du gehst durch eine wunderschöne Landschaft“). Beide Methoden dienen dazu, die Kritik auszuschalten, das Unterbewusstsein anzusprechen, und einen empfänglich für weitere Suggestionen zu machen.

2. Die Trance
Entgegen der landläufigen Meinung schlafen wir dabei nicht, sondern sind wach und hochkonzentriert. Misst man in Trance die Hirnströme (EEG), dann sieht man verstärkt Alpha-Wellen – ein Zeichen für hohe Konzentration. Der Hypnotisand folgt nun den Suggestionen des Hypnotiseurs, als seien diese Realität. Um zu überprüfen, ob eine Trance vorhanden ist, wird oft der Levitationstest eingesetzt: Der Arm hebt sich unwillkürlich. Außerdem sind Puls, Blutdruck und Atmung heruntergefahren, ebenso die Stresshormone. In Trance kommt es zum Phänomen der „Dissoziation“: Die Trennung des Bewusstseins vom Körper. Man steigt sozusagen aus seinem Körper aus und betrachtet sich selbst von oben. Da man sich nicht mehr mit Körper und Gefühlen identifiziert, empfindet man auch keinen Schmerz mehr.

3. Die Ausleitung
Jetzt wird der Hypnotisand wieder in die Realität zurückgeholt – bei der Showhypnose oft mit einem Fingerschnippen, bei der therapeutischen Hypnose langsam und mit behutsamen Worten. Denn der Kreislauf ist in Trance soweit heruntergefahren, dass er oft minutenlang braucht, um sich zu wieder zu normalisieren.

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