Krankheit

Chronische Schmerzen: Was dahintersteckt und was hilft

Die Schmerzen einer Schürfwunde oder Muskelverletzung lassen in der Regel nach kurzer Zeit wieder nach. Anders ist dies bei chronischen, also dauerhaften, Schmerzen. Für mehr als zwölf Millionen Deutschen werden sie täglich zur Tortur. Doch was können Betroffene dagegen tun?

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Der kleine Paul greift zur frisch aufgebrühten Teetasse. Wie vom Blitz getroffen zieht er seine Hand reflexartig zurück. Das unangenehme Gefühl der Hitze hat ihn wahrscheinlich vor größeren Verbrennungen bewahrt. Schmerzen warnen uns davor, dass unser Körper gerade Schaden nehmen kann. Der Reiz verursacht elektrische Impulse, welche über Nervenfasern zum Rückenmark und von dort zum Gehirn weitergeleitet werden. Paul spürt die stechende Hitze der Tasse auf seiner Haut und kurz darauf sendet das Gehirn dem Körper die Botschaft, seine Hand wieder wegzuziehen.
 
Während diese Art von Schmerzen also einen tieferen Sinn haben, gibt es demgegenüber noch die chronischen Schmerzen, die die Betroffenen immerzu plagen. Sie bestehen oft ohne Auslöser über Monate und Jahre fort. Die Folgen: Arbeitsunfähigkeit, Frühberentung, Probleme im Alltag, Schlafstörungen sowie Konzentrationsmangel. Depressionen, Angst und sozialer Rückzug kommen häufig noch hinzu. Doch wie kommt es dazu, dass sich der Schmerz auf diese Weise verselbständigt?
 
Die tagtäglichen Schmerzen können infolge von akuten länger andauernden Beschwerden entstehen – wie einer schweren Knochenverletzung oder einem Bandscheibenvorfall. Die Nervenbahnen vom Rückenmark zum Gehirn werden mit der Zeit empfindlicher, die Schmerzschwelle sinkt. Schon sanfter Druck kann dann als unangenehm empfunden werden. „Hier kann sich die Empfindlichkeit des Schmerzsystems soweit „aufschaukeln“, dass sich eine meist über das Rückenmark vermittelte Schmerz-Überempfindlichkeit entwickelt. Unter Umständen senden diese überempfindlich gewordenen Nervenzellen auch dann Schmerzsignale vom Rückenmark ans Gehirn, wenn aus den entfernter gelegenen Geweben des Körpers (z. B. von einem verspannten Muskel) keine Schmerzsignale mehr im Rückenmark eintreffen“, so die Deutsche Schmerzgesellschaft e.V. (dgss).

Körper und Psyche mischen mit

Bei vielen Patienten ist allerdings keine eindeutige Ursache für ihre Erkrankung auffindbar. Dies wird häufig als besonders schlimm empfunden, da die Betroffenen befürchten, andere würden ihr Leiden als Einbildung abtun. Dabei rühren die Schmerzen meist nicht nur aus einem körperlichen Problem, sondern aus einem Zusammenspiel zwischen dauerhaft körperlichem, seelischem und sozialem Stress. „Für über 80 Prozent aller Rückenschmerzen sind so genannte „Funktionsstörungen“ durch Dauerspannungen verantwortlich, die durch bio-psycho-sozialen Dauerstress verursacht werden“, berichtet die dgss.
 
Befinden wir uns in einer stressigen Situation, schüttet der Körper Hormone aus, um Höchstleistung zu gewährleisten – unabhängig davon, wie die aktuelle physische oder psychische Verfassung ist. Befindet sich der Körper jedoch über Monate oder Jahre unter körperlichen oder psychischen Dauerstress, kann die Stresstoleranz sinken. Schon kleine Lappalien gehen einen dann schon auf die Nerven und auch Schmerzen werden schneller registriert. Zudem sind die Muskeln ständig angespannt, man ist schneller erschöpft und der Körper tut weh.
 
Oft reagieren die Betroffenen mit einer Schonhaltung, was alles nur verschlimmert. Bei anderen Menschen entstehen die Schmerzen nach dem Tod der Mutter oder dem Arbeitsplatzverlust. In solch einer Situation werden die gleichen Hirnregionen angeregt wie bei einem Knochenbruch oder Schnitt. „Das heißt: Auch „seelischer“ Schmerz ist „echt“ und muss ermittelt werden, um in der Behandlung unwirksame operative Eingriffe zu vermeiden“, betonen die Schmerzspezialisten der dgss.

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Vorsicht bei Schmerzmitteln

Egal ob Kopf-, Bauch-, Nerven-, Gelenk- oder Rückenschmerzen – schnell greifen viele zu Schmerzmitteln. Doch wer diese zu häufig und zu lange einnimmt, kann Magen-Darm-Beschwerden oder gar Nierenschäden bekommen. „Außerdem kann ein schädlicher Schmerzmittelübergebrauch die Aufrechterhaltung von Schmerzen begünstigen. Daher ist es wichtig, jene Patienten frühzeitig zu erkennen, die ein hohes Risiko für eine Chronifizierung ihrer Schmerzen aufweisen“, betonen die Experten der dgss.
 
Untersuchungen zeigen, dass neben genetisch veranlangten Menschen auch jene eher Dauerschmerzen entwickeln, die psychische Vorerkrankungen sowie soziale Probleme in Familie und Beruf haben. Ebenfalls eine Rolle spielt eine schlechte Schmerzbewältigung. „Als risikohaftes Schmerzverhalten erwies sich einerseits ein ausgeprägt ängstliches Schon- und Vermeidungsverhalten, andererseits ein extremer Durchhaltewille (Entspannungsunfähigkeit)“, so die dgss.

Langer Leidensweg

Obwohl heutzutage chronische Schmerzen als eigenständige Krankheit anerkannt sind und viel geforscht wird, dauert es oft lange bis eine effektive Therapie gefunden ist. Eine enge Zusammenarbeit von Schmerzärzten, spezialisierten Psychologen, Physio- sowie Ergotherapeuten ist dabei sinnvoll. „Es gibt auch Hinweise, dass bei Bewegungsübungen und Sport körpereigene Schmerzhemmstoffe (Endorphine) ausgeschüttet werden“, berichtet die Deutsche Schmerzliga e.V.
 
Erfahrene Schmerzärzte findet man in speziellen Zentren oder Kliniken. Daneben können auch „normale“ Ärzte eine entsprechende Zusatzausbildung machen. Als Medikamente bekommen die Patienten meist Opioide verabreicht, die die Schmerzweiterleitung und -verarbeitung im Rückenmark und Gehirn unterbinden. Eine Kombination verschiedener Arzneimittel, die an unterschiedlichen Stellen ansetzten, ist oft besonders effektiv. So kommen auch Antidepressiva, welche in die Schmerzverarbeitung eingreifen, zum Einsatz.

Psychotherapie als wichtige Stütze

Die kognitive Verhaltenstherapie ist bei Schmerzpatienten die am häufigsten angewandte Therapieform. Sie hilft zu erkennen, welche Situationen, inneren Einstellungen oder Körperhaltungen die Symptome verstärken und wie man dies ändern und vorbeugen kann. „Psycho-soziale Interventionen (körperliche und soziale Aktivität, aufmerksamkeitslenkende Strategien o.ä.) können die Schmerzwahrnehmung entscheidend beeinflussen“, betonen die Autoren der Leitlinie zu chronischen Schmerzen.
 
Darüber hinaus werden unter anderem tiefenpsychologische Behandlungen, Biofeedback, Hypnotherapie und Entspannungstechniken wie die progressive Muskelentspannung nach Jacobson oder Autogenes Training eingesetzt. Auf der Suche nach Linderung greifen viele auf Naturheilverfahren, Homöopathie oder die Traditionelle Chinesische Medizin zurück. „Allerdings sind diese Methoden immer nur eine Ergänzung und kein Ersatz für eine multimodale Schmerztherapie. Gleichwohl können sie im Rahmen eines schmerzmedizinischen Gesamtkonzepts bei vielen Patienten einen wichtigen Platz einnehmen und die Lebensqualität verbessern“, so die Deutsche Schmerzliga e.V. Insbesondere wenn sich die Betroffenen mit ihrem Leid allein gelassen oder nicht verstanden fühlen, ist eine Selbsthilfegruppe eine gute Unterstützung.

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